Verzahnte Hilfe und viel Toleranz

Toleranz ist ein Grundprinzip der Jugendsozialarbeit der AWO. Das gilt auch für die Jugendwerkstatt woRk in Marl, die sich an Schulverweigerer richtet.

Text: Sophia Schalthoff
Dirk Kästingschäfer erklärt Mia die Arbeitsweise am Bohrständer. Foto: Christian Kuck

Die Schulbank zu drücken so wie an diesem Mittwochvormittag in der Jugendwerkstatt woRk war für Mia schon seit 2022 eher die Ausnahme als die Regel. „Ich wurde gemobbt. Da hatte ich keinen Bock mehr drauf“, sagt die 15-Jährige. Auch ein Schulwechsel habe nicht geholfen. Aber jetzt sei es anders. „Hier habe ich gelernt, über meinen Schatten zu springen“, sagt sie. Hier, das ist die Jugendwerkstatt woRk in Marl, die sie mit 15 anderen Jugendlichen jeden Tag von viertel vor neun Uhr bis 14 Uhr besucht. Meistens jedenfalls, denn das von der Stadt Marl und dem Ministerium für Kinder, Jugend und Familie finanzierte Angebot ist freiwillig. „Jeder respektiert hier jede“, ergänzt der ebenfalls 15-jährige Jason. Er war seit rund einem Jahr nicht mehr zur Schule gegangen, ehe er zu woRk kam. Weil er sich immer wieder mit seinen Lehrer:innen angelegt habe, sagt er. „Die Gründe können vielschichtig sein“, erklärt woRk-Mitarbeiter Dirk Kästingschäfer: psychische Probleme, Mobbing, Drogen bis hin zu Wohnungslosigkeit. Gemeinsam sei allen, dass sie keinen ausreichenden sozialen Rückhalt etwa in der Familie hätten. Die Eltern, sofern vorhanden, seien überfordert und hätten zum Teil selbst ähnliche Probleme. In diese Lücke versucht das woRk-Team mit seinen vier Mitarbeiter:innen unterschiedlicher Professionen zu stoßen. Sie bieten den 16 Teilnehmenden im Alter von 15 bis 27 Jahren werktäglich vor allem eine Tagesstruktur mit Angeboten in den Bereichen Werken, Lernbegleitung, Sozialtraining oder Berufswahlorientierung. Zweimal pro Woche wird zudem gemeinsam gekocht.

Heute steht Sozialtraining auf dem Stundenplan. Auf der Tafel hat die Gruppe unschöne Ausdrücke gesammelt, die man eigentlich eher vermeiden sollte – sollte, nicht muss, denn erstmal werde jeder so akzeptiert und toleriert, wie er ist, sagt Ann-Katrin Purck, Koordinatorin Jugendsozialarbeit im Unterbezirk. „Toleranz eines jeden Lebensentwurfes ist ein Grundprinzip unserer Arbeit.“ Natürlich gebe es Grenzen, etwa, wenn jemand gewalttätig würde. „Wir lassen auch niemanden, der offensichtlich unter Drogeneinfluss steht, an einer Maschine arbeiten“, ergänzt Dirk Kästingschäfer. Ein grundsätzliches Abstinenzgebot gebe es aber nicht. „Das wäre utopisch“, so Ann-Kathrin Purck. „Einige Teilnehmende konsumieren regelmäßig Cannabis. Aber bei Problemen vermitteln wir auch an die Drogenberatung.“ Das Angebot profitiert besonders von der Verzahnung unterschiedlicher AWO-Angebote.

Mia etwa hat den Kontakt über die Initiative „2. Chance“ erhalten, ein weiteres Angebot der Jugendsozialarbeit des Unterbezirks, das sich an eine etwas jüngere Zielgruppe von 11 bis 15 Jahren richtet. Anders als in der Schule gebe es in den AWO-Angeboten keinen Druck, einen bestimmten Schulstoff vermitteln zu müssen, sondern darum, überhaupt erstmal wieder Vertrauen aufzubauen und Motivation zu wecken, so Purck: „Nach zwei, drei Jahren Schulabstinenz braucht man in der Regel einige Monate, um diese Basis zu schaffen.“ Daher stehen auch niederschwelliger handwerklicher Unterricht in Tischlerei und Malerwerkstatt sowie Gartenarbeit auf dem Stundenplan. Das Angebot profitiere davon, dass neben einer Sozialpädagogin auch Handwerker wie Zimmerer Dirk Kästingschäfer im Team sind. „Die bekommen manchmal schneller einen Draht zu den Jugendlichen“, sagt Ann-Katrin Purck. Und die praktische Arbeit vermittelt schneller kleine Erfolgserlebnisse.

Auch hier profitiert das Angebot von der Verzahnung verschiedener AWO-Einrichtungen. So konnte Dirk Kästingschäfer einen Auftrag zur Aufbereitung „abgerockter“ Tische aus einer Kita in Dülmen an Land ziehen. Eine Teilnehmerin habe mal eine Sprühschablone für die Stadt Marl hergestellt, die Geisterfahrer auf Radwegen zu einem Wechsel der Straßenseite auffordern. „Da gab es einen Pressetermin mit dem Bürgermeister und ein gemeinsames Foto. Das ist eine tolle Bestätigung für sie gewesen“, erinnert sich Purck. Das Ziel, für jede:n Teilnehmer:in des Angebots eine Anschlussperspektive zu finden, werde fast immer erreicht. Im vergangenen Jahr haben lediglich zwei Teilnehmende das Angebot abgebrochen. Auch Mia und Jason haben bereits Pläne für danach: „Erstmal den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 machen“, möchten beide und anschließend das Berufskolleg besuchen. Besonders schön sei, sagt Dirk Kästingschäfer, „wenn Jahre später ein altbekanntes Gesicht hereinkommt, und stolz sein Abschlusszeugnis oder seinen Gesellenbrief vorzeigt“.

INFO

Koordination Jugendsozialarbeit
Ann-Katrin Purck
Rappaportstraße 8
45768 Marl
a.purck@awo-msl-re.de

Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.