Über Ungleichheit zu Gleichheit?
Marl-Mitte. Gegenüber vom Einkaufszentrum bröckelt der Putz vom halbkreisförmigen Wohnkomplex. Müll liegt auf den Grünflächen zwischen den Häusern. „Hier ist schon ein sozialer Brennpunkt“, sagt Ramona Bouzenita, Leiterin des Familienzentrums Merkurstraße über ihren Einzugsbereich. Der Sozialindex beträgt 9 von 9 und dient dazu, die sozialen Herausforderungen an Schulen und Kindergärten einzuschätzen. Je höher der Wert, desto größer die Herausforderungen. In den Index fließen Faktoren wie die SGB-II-Quote und der Anteil von Kindern mit nichtdeutschsprachigen Familien ein. „Wir übernehmen viele sozialarbeiterische Aufgaben, telefonieren viel mit Eltern und Ämtern“, so die Kitaleitung. Auch psychische Erkrankungen wie Autismus oder ADHS sind unter den Kita-Kindern der Merkurstraße vergleichsweise häufig.
Beim Gang fällt auf: Die Kinder sind bunt gemischt; die 80 Zwei- bis Sechsjährigen stammen aus 30 unterschiedlichen Herkunftsländern, schätzt Bouzenita; 20 sind explizit Integrationskinder. Auf dem Flur spielen einige mit Bobbycars Autoscooter. In einer der vier Gruppen wird gerade gefrühstückt, in einer anderen gebastelt und in der letzten findet gerade der Morgenkreis statt – so weit, so normal. Sehr auffällig würden die Herausforderungen aber etwa beim Thema Zahnhygiene, sagt Bouzenita. „Das ist ein großes Problem.“ Deshalb war bereits einmal eine Zahnärztin da, um das Thema zu vermitteln. Und die Kita-eigene Hauswirtschaftskraft ergänzt das Mittagessen von Appetito mit frischem Obst und Gemüse.
"30 unterschiedliche Herkunftsländer gibt es unter den 80 Kindern im Familienzentrum Merkurstraße in Marl."
Ziel sei, allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen, unabhängig von Elternhaus und Herkunft. „Dazu arbeiten wir mit einem multiprofessionellen Team aus Erzieherinnen, Heilerziehungs- und Kinderpflegerinnen sowie einer Rehabilitationspädagogin“, erklärt Bouzenita, die selbst seit 2006 als Erzieherin und Inklusionsfachkraft in der Einrichtung arbeitet und im Mai 2025 die Leitung übernommen hat. Sprachbarrieren begegnet das Team multilingual: In der Mitarbeiterschaft gibt es Kenntnisse in T ürkisch, Englisch, Französisch, Arabisch, Kurdisch und Hocharabisch. Wenn die Mitarbeiter damit am Ende sind, kommt zunehmend auch ein KI-Sprachassistent zum Einsatz.
Zudem holt sich das zehnköpfige Team viel externe Unterstützung. So kommt etwa regelmäßig eine Ergotherapeutin und demnächst eine Logopädin, die dem Team Gebärden für nonverbale Kinder beibringen wird. Einmal im Monat kommen außerdem die Fachberatungen Pädagogik und Inklusion und sowie der Fachdienst Gewaltprävention des Unterbezirks. Regelmäßig stattfindende Fort- und Weiterbildungen gewährleisten die Qualität der pädagogischen Arbeit. So ist demnächst eine Supervision mit einer externen Fachkraft geplant.
Dass die Kita die Unterstützung erhält, die sie benötigt, hat auch mit neuen Strukturen im Unterbezirk zu tun: Seit April 2025 haben die Kitas in Marl, Recklinghausen und Castrop-Rauxel mit Kira Viskorf eine neue Ansprechpartnerin, die zwischen Fachbereich und Kitaleitungen vermittelt. Die Idee: Eine Person, die näher an den einzelnen Einrichtungen dran ist, um zielgerichteter auf deren Bedarfe eingehen zu können. Das Konzept scheint aufzugehen: „Wir sprechen mindestens ein- bis zweimal die Woche miteinander“, sagt Ramona Bouzenita. „Frau Viskorf bringt einen neuen ganzheitlichen Ansatz, viel Empathie und Wertschätzung mit. Man wird mit seinen Stärken und Ressourcen gesehen – aber auch mit den höheren Bedarfen.“
„Man muss zuhören können, um zu erfahren: Was braucht die jeweilige Kita, was brauchen die Mitarbeitenden?“, ergänzt Kira Viskorf. „Ich prüfe das und gebe es an den Fachbereich weiter. Ich schlage den Kitas aber auch passende Weiterbildungskurse zu Arbeitssicherheit, Gesundheits- und Stressmanagement sowie Belastungsregulierung vor.“ Die Sozialpädagogin war zuvor selbstständig als Entspannungslehrerin an Schulen unterwegs. Mit Ramona Bouzenita ist sie sich einig, dass Ungleichheit nicht mit dem Gießkannenprinzip zu begegnen ist. „Dass die Ressourcen ungleich verteilt werden müssen, ist allen Beteiligten klar“, so Viskorf – damit aus Chancenungleichheit -gleichheit werden kann.
INFO
Koordination Kita Süd
Kira Viskorf
Rappaportstraße 8
45768 Marl
Telefon 01520 9120434
Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.