Tür-und-Angel-Gespräche werden leiden
Eigentlich ist Franziska Fuhrmann mit ihrer Kita zufrieden. Zwei ihrer drei Kinder besuchen derzeit die AWO-Einrichtung Am Königsteich II in Westerkappeln. „Alles ist super strukturiert. Drei Hauswirtschaftskräfte kochen jeden Tag frisch.“ Das größte Manko sei jedoch, „dass Personal und Zeit so knapp bemessen sind“, so die Elternbeiratsvorsitzende. Bei einer Grippewelle sei man schnell im Notfallkonzept, auch wenn sie „dank des guten Konzepts“ nicht so viel von den Problemen mitbekomme. Denn die lägen tiefer, vermutet die 36-Jährige. Trotz sinkender Kinderzahlen spüre sie keine Entspannung in der Kita. Mehrere Fachkräfte, darunter die Lieblingserzieherin ihres Sohnes, hätten die Einrichtung aus privaten Gründen verlassen.
Weniger Kinder bedeuten in der aktuellen KiBiz-Logik auch weniger Personal. „Es fehlt an einer auskömmlichen Sockelfinanzierung“, sagt auch Daniela Heimann aus Mülheim an der Ruhr, Vorsitzende der Landeselternvertretung NRW. Vor allem Ergänzungskräfte mit befristeten Verträgen litten stark unter der Bindung an schwankende Kinderzahlen und Betreuungsumfänge. In den Augen der Landeselternvertretung wird hier gerade eine große Chance verpasst, „die Gruppen dauerhaft zu verkleinern, um den Stresspegel für Kinder und Personal zu senken“.
Die derzeit angestrebte Reform des Kinderbildungsgesetzes werde daran nichts Grundlegendes ändern, kritisiert auch der Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen in einer Stellungnahme scharf: „Die Finanzierung bleibt unrealistisch. Das erschwert die Personalplanung, die Weiterqualifizierung, die Ausstattung der Räume, die Instandhaltung der Einrichtungen zusätzlich. Die Verwaltungskostenpauschale von vier Prozent liegt weit unter dem tatsächlichen Bedarf. (...) Sprachförderung und Inklusion sind unterfinanziert, obwohl die Anforderungen steigen.“ In Teilen fürchten Träger und Elternvertreter sogar Verschlechterungen durch die Reform, etwa durch angedachte Überbelegungsmöglichkeiten. Franziska Fuhrmann aus dem Elternbeirat: „Wenn es nur vorübergehend ist, ist das völlig legitim. Es aber vorab einzuplanen, finde ich schwierig.“ So sah es zumindest der erste Entwurf der Reform vor. Nun sollen Überbelegungen – etwa bei Zuzug – auf maximal zwei Kinder pro Gruppe beschränkt bleiben. In Akutsituationen – z. B. bei einer Grippewelle – sollen Gruppen für Zwei- bis Sechsjährige und für Überdreijährige um bis zu zwei weitere Kinder für maximal sechs Wochen überbelegt werden dürfen, um kurzfristige Schließungen zu vermeiden.
„Die Finanzierung bleibt unrealistisch. Das erschwert die Personalplanung, die Weiterqualifizierung, die Ausstattung der Räume, die Instandhaltung der Einrichtungen zusätzlich. (...) Sprachförderung und Inklusion sind unterfinanziert, obwohl die Anforderungen steigen.“
Kritisch, wenn auch nicht ganz ablehnend, sehen die Elternvertreter das Modell der Kern- und Randzeiten. Eine Kernzeit von nur 25 Stunden pro Woche, wie im ersten Entwurf, war aus Elternsicht deutlich zu wenig, so Landeselternvertreterin Heimann. Mit den nun vorgesehenen 35 Stunden könne man leben, sofern wichtige Tür-und-Angel-Gespräche zwischen Eltern und qualifizierten Fachkräften nicht leiden. Verbesserungen wünscht sich die Landeselternvertretung bei der Elternmitwirkung. Diese sei ein „zahnloser Tiger“. Verstöße blieben in der Praxis folgenlos. Stattdessen sollte die Missachtung des Elternvotums „förderschädlich“ werden, sodass Trägern in diesen Fällen die Rückforderung von Landesmitteln drohe. Aus dem Anhörungsrecht des Elternbeirats bei wichtigen Entscheidungen wie Öffnungszeiten, Schließtagen, pädagogischer Konzeption und Essensgeld müsse ein echtes Mitwirkungsrecht werden. Insgesamt sei die KiBiz-Reform bislang „nicht der große Wurf“, resümiert Heimann. „Sie wird wohl wenig bewirken.“
Punktuelle Verbesserungen sieht sie bei der Flexibilisierung der Buchungszeiten in Fünf-, statt bisher Zehnstundenschritten. Ebenso begrüßt sie die Stärkung von Elternbefragungen bei der Bedarfsplanung. Dies sei notwendig, um Probleme wie die „Ferienlücke“ (unterschiedliche Schließzeiten von Kita und OGS) besser erfassen und lösen zu können. Ein Drahtseilakt, den auch Franziska Fuhrmann aus Westerkappeln bewältigen muss, wenn die Elternzeit für ihren acht Monate alten Sohn endet. „Ich habe fünf Wochen Urlaub. So lange ist die Kita aber geschlossen. Wenn dann noch Planungs- und Schließtage wegen Krankheit dazu kommen … Wie soll ich das stemmen?“ Sie wünscht sich auch finanzielle Verbesserungen für Familien. Dass beide Eltern arbeiten und auf Betreuung angewiesen sind, sei oft keine freie Entscheidung mehr, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. „Das ist das größte Problem.“
INFO
LEB – Landeselternbeirat der Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen e.V.
Daniela Heimann
Völklinger Straße 4
40219 Düsseldorf
Tel. 0211 8374837
Kita Am Königsteich II
Annika Wolf
Am Königsteich 14
49492 Westerkappeln
Tel.: 05404 916720
Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.