Solidarität bedeutet hinschauen

Für den Fachdienst Gewaltprävention und Kinderschutz ist der Auftrag klar: Schutz schaffen, Transparenz fördern und Menschen in schwierigen Situationen nicht allein lassen. Solidarität ist dabei mehr als nur einer von fünf AWO-Werten – sie prägt die tägliche Arbeit und verlangt den Fachkräften viel Fingerspitzengefühl ab, manchmal auch einen echten Spagat.

Melanie Havermann im Beratungsgespräch. 300 Kinderschutzberatungen führte die Stabsstelle Gewaltprävention und Kinderschutz im Jahr 2025. Foto: Christian Kuck

Die Stabsstelle Fachdienst Gewaltprävention und Kinderschutz arbeitet in drei zentralen Bereichen. Im Kinderschutz geht es darum, mögliche Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und wirksam zu beenden. Dabei steht das nun wieder vollzählige Team um Melanie Havermann mit Sonja Schütter und Claus Katerkamp nicht direkt mit den Kindern in Kontakt, sondern berät und begleitet Mitarbeitende vor Ort. Das Trio stärkt Teams, klärt Unsicherheiten und unterstützt dabei, sichere Strukturen zu schaffen. „Kinder können sich nicht selbst schützen“, sagt Claus Katerkamp, der seit dem 1. Januar Teil des Fachdienstes ist und den nördlichen Bereich des Unterbezirks betreut. „Sie sind darauf angewiesen, dass Erwachsene hinschauen, zuhören und handeln.“ Solidarität heißt hier: sichere Orte schaffen und dem Schweigen etwas entgegensetzen. Reden hilft – auch wenn es unbequem ist. Melanie Havermann ergänzt: „Wir sind solidarisch denen gegenüber, die Schutzbefohlen sind und sind verpflichtet, ihnen einen sicheren Ort zu schaffen.“

„Solidarität zeigt sich auch in der Fehlerkultur. Grenzverletzungen dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden.“

Melanie Havermann

Der zweite Schwerpunkt be­trifft Grenzverletzungen – Si­­tuationen, in denen Mitarbeitende gegenüber Kun­d:­innen, Klient:innen oder Kindern und Jugendlichen möglicherweise Gren­zen überschritten ha­­ben. Solche Fälle sind sensibel und oft belastend für alle Beteiligten. Hier zeigt sich besonders, was Solidarität in der Praxis bedeutet: nicht nur Schutzbefohlene ernst zu nehmen, sondern auch Kolleg:innen. Gerade bei Verdachtsfällen ist das eine Herausforderung. „Wenn ein Mitarbeitender zu Unrecht beschuldigt wird, ist das extrem belastend“, sagt Sonja Schütter, die seit Ende Februar im Fachdienst arbeitet und Einrichtungen im Osten des Unterbezirks sowie in Gladbeck begleitet. Ängste, Scham und Existenzsorgen spielen in solchen Situationen eine große Rolle. Der Fachdienst begegnet ihnen bewusst ohne Vorverurteilung. Der Grundsatz der „Allparteilichkeit“ gilt – ebenso wie die Pflicht, genau hinzuschauen. Einrichtungen und Leitungen sind deshalb angehalten, sich frühzeitig beim Fachdienst zu melden – auch dann, wenn sie selbst von der Unschuld eines Mitarbeitenden überzeugt sind. Das Schutzsystem soll greifen. Nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Unterstützung. „Solidarität zeigt sich auch in der Fehlerkultur. Grenzverletzungen dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden“, sagt Melanie Havermann. Gleichzeitig geht es darum, eine fehlerfreundliche Haltung zu fördern. Schwierige Themen anzusprechen, braucht Mut – und ein Umfeld, das nicht sofort verurteilt, sondern Entwicklung ermöglicht. Hilfe zur Selbsthilfe ist dabei ein zentrales Prinzip.

Ein dritter Schwerpunkt liegt auf Situationen, in denen Mitarbeitende untereinander grenzverletzend miteinander umgehen. Auch hier arbeitet der Fachdienst nach ähnlichen Grundsätzen wie im zweiten Schwerpunkt. Ziel ist es, Menschen durch schwierige Situationen zu begleiten, Sorgen ernst zu nehmen und sie zu unterstützen. Am Ende geht es immer um Verantwortung: gegenüber den Kindern, gegenüber den Mitarbeitenden und gegenüber den Werten der AWO. Solidarität bedeutet hier nicht, wegzusehen, sondern hinzuschauen – und niemanden allein zu lassen.

INFO

Fachdienst Gewaltprävention und Kinderschutz
Melanie Havermann
Rappaportstraße 8
45768 Marl
Tel.: 0176 19003461

Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.