Kinder im Blick
„Es ist unverantwortlich, so gegen Erfahrungen aus der Praxis zu arbeiten“, sagt Nadine Orgzewalla. Seit dem vergangenen Sommer ist sie als Koordinatorin für die AWO-Kitas in Isselburg, Bocholt, Rhede, Borken, Velen, Heiden und Reken sowie drei Großtagespflegen zuständig. Zuvor leitete sie viele Jahre selbst Kindertageseinrichtungen. Die Herausforderungen des Kita-Alltags kennt die Koordinatorin daher aus erster Hand. Umso größer ist ihr Unverständnis über den Entwurf der geplanten KiBiz-Reform. Neben ihr sitzt Aileen Hafner. Sie koordiniert die AWO-Kitas in Dorsten, Gladbeck und Herten und war ebenfalls lange als Kita-Leitung tätig. Beide sind sich einig: Die Reform geht am Bedarf der Kinder vorbei.
„Jede Reform sollte an einer einfachen Frage gemessen werden“, sagt Aileen Hafner. „Verbessert sie den Alltag der Kinder?“ Ihre Antwort fällt eindeutig aus: „Nein.“ Denn gute Kita-Arbeit sei weit mehr als Betreuung. Sie sei Bildungs-, Beziehungs- und Entwicklungsarbeit. Genau diese Grundlagen sehen die beiden Fachfrauen durch die geplanten Änderungen gefährdet. Besonders kritisch bewerten sie die stärkere Öffnung der Einrichtungen für Nichtfachkräfte, die Einführung von Kern- und Randzeiten sowie Veränderungen bei Gruppengrößen und Personalstrukturen. Vor allem der Einsatz von Nichtfachkräften bereitet ihnen Sorgen. „Ich bin überzeugt, dass die Überforderung der Mitarbeiter:innen dadurch in den Kitas eher steigen wird“, sagt Orgzewalla. Kinder benötigten nicht nur während der Kernzeiten fachkundige Begleitung. „Ein Inklusionskind hat seinen erhöhten Unterstützungsbedarf ja nicht nur zwischen neun und zwölf Uhr.“ Die Vorstellung, dass Betreuung verlässlicher werde, halten beide für unrealistisch. „Wenn Mitarbeitende krank sind, fehlen sie den ganzen Tag“, sagt Hafner. „Dann ist auch die Kernzeit nicht automatisch abgesichert.“
Noch schwerer wiegen für sie die Auswirkungen auf die Kinder. Nadine Orgzewalla beschreibt ein Beispiel aus dem Alltag: Ein zweijähriges Kind wird morgens von seinem Vater gebracht und einer Nichtfachkraft übergeben. Einige Stunden später übernimmt eine Erzieherin. Nach dem Mittagsschlaf wird das Kind von einer anderen Betreuungskraft geweckt und schließlich an die Mutter übergeben. „Daran fühlt sich irgendwie alles falsch an“, sagt sie. „Wie soll unter solchen Bedingungen eine stabile Bindung entstehen? Wie sollen Eltern wichtige Informationen austauschen, wenn sie die Fachkräfte gar nicht sehen?“ Für beide gehört Verlässlichkeit zu den wichtigsten Voraussetzungen guter frühkindlicher Bildung. Kinder bräuchten feste Bezugspersonen und sichere Übergänge. Werden Betreuung und Verantwortung auf immer mehr Personen verteilt, gehe genau das verloren.
„Wenn wir über KiBiz sprechen, dürfen wir nicht zuerst fragen, was organisatorisch möglich ist, sondern, was Kinder brauchen, um gesund, sicher und gut begleitet aufwachsen zu können. Denn gute Kita-Arbeit ist keine Aufbewahrung. Sie ist Bildungs- und Beziehungsarbeit.“
Zugleich befürchten sie eine schleichende Abwertung des Erzieher:innenberufs. „Wenn immer mehr Aufgaben von Nichtfachkräften übernommen werden, stellt sich irgendwann die Frage: Wofür braucht es eine mehrjährige Ausbildung?“, fragt Nadine Orgzewalla. Damit drohe ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Bilder von der „Kindergartentante“, die Kinder lediglich beaufsichtigt. Die Entwicklung der Kitas zu anerkannten Bildungsorten werde dadurch infrage gestellt.
Für Hafner und Orgzewalla geht die Re-form deshalb am eigentlichen Problem vorbei. Was den Einrichtungen fehle, seien nicht neue Konzepte, sondern ausreichend Zeit, Personal und finanzielle Mittel. Stattdessen würden Fachkräfte durch Dokumentationspflichten und organisatorische Aufgaben gebunden. „Wie viel sinnvoller wäre es, die Ressourcen direkt in die Kitas zu investieren?“, fragt Nadine Orgzewalla. Für sie liegt die eigentliche Lösung auf der Hand: eine bessere Finanzierung und mehr Personal pro Kind. Nur so könne pädagogische Arbeit wieder das sein, was sie sein soll – frühkindliche Bildung, verlässliche Begleitung und eine gute Vorbereitung auf die Schule. Die Reform hingegen berge die Gefahr, dass gerade Kinder mit besonderem Förderbedarf noch stärker durchs Raster fallen.
Auch Aileen Hafner sieht konkrete Möglichkeiten zur Entlastung. „Wir brauchen ein gutes Vertretungssystem“, sagt sie. Ein gut ausgestatteter Springerpool könne nicht nur Ausfälle auffangen, sondern dann auch Einrichtungen bei Projekten oder besonderen Herausforderungen unterstützen. Darüber hinaus wünschen sich beide mehr individuelle Lösungen statt pauschaler Vorgaben. „Kitas in Stadtteilen mit hohem Sozialindex brauchen andere Voraussetzungen als Einrichtungen in Neubaugebieten mit Einfamilienhäusern“, sagt Hafner. „Da braucht es vielleicht kleine Gruppen oder mehr spezialisierte Fachkräfte.“
Am Ende gehe es aber um weit mehr als um Personalschlüssel oder Organisationsfragen. Es gehe um das Bild von Kindheit und Bildung, das eine Gesellschaft habe. Um Zeit für Beziehungen. Um verlässliche Bezugspersonen. Und um die Frage, ob Kitas Orte bleiben, an denen Kinder nicht nur betreut, sondern gesehen, begleitet und gestärkt werden. Für Nadine Orgzewalla und Aileen Hafner steht fest: Eine Reform, die vor allem den Mangel verwaltet, wird den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht.
INFO
Markus Wallmeier
Bereichsleitung Kindertageseinrichtungen
Ewaldstraße 120
45699 Herten
Tel.: 02366 1091120
Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.