Frei und selbstbestimmt
Fiona Gerlachs Tag beginnt früh: Um 4.50 Uhr klingelt der Wecker. Der Bus zur Werkstatt im Stadtteil Wulfen kommt zwar erst um 6.20 Uhr, aber die 38-Jährige nimmt sich morgens gerne Zeit fürs Frühstück. „Das genieße ich“, sagt sie. „Da ist jede:r Bewohner:in anders“, erläutert Einrichtungsleiterin Stephanie Bahn. „Jede:r hat seine eigenen Morgenroutinen; die einen wollen sehr behutsam geweckt werden, die anderen brauchen laute Musik.“
Wie alle 24 Bewohner:innen hat auch Fiona ihr eigenes Zimmer mit Bad. Küche, Wohn- und Essbereich sowie einen großen Balkon teilt sie sich mit ihren sieben Mitbewohner:innen auf der Etage. „Meine Wohnung, meine Musik, meine Regeln“, steht auf ihrer Fußmatte. Schreibtisch und Bett brachte sie selbst mit. Auf dem Nachttisch steht ein Apparat mit Atemmaske. Fiona leidet seit ihrer Geburt am sogenannten Undine-Syndrom, einer Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu einer Störung der Atemregulation führt. „Ich bin deswegen auch tagsüber manchmal sehr erschöpft“, sagt sie. Im Alltag ist sie daher auf Unterstützung angewiesen.
"24 Bewohner*innen mit geistiger, körperlicher und/oder komplexer Behinderung leben selbstbestimmt in der Wohnstätte Dorsten."
„Die Einschränkungen unserer Bewohner:innen reichen von leichter Intelligenzminderung bis zu komplexen Mehrfachbehinderungen“, erläutert Stephanie Bahn. Die meisten seien im Alltag schneller überfordert, etwa bei der Einteilung ihres Geldes, bei der Zubereitung gesunder Mahlzeiten oder einfach, wenn der Bus mal nicht kommt. „Unsere Einrichtung versteht sich als Assistenzsystem für ein möglichst selbstbestimmtes Leben, für das jeder selbst Experte ist. Unsere Aufgabe ist es, Barrieren abzubauen, aber nicht Entscheidungen abzunehmen.“ Freiheit ist ein leitendes Prinzip der Assistenz. So werde bei Mahlzeiten und Beschäftigungsangeboten immer eine Auswahl angeboten. Für Fiona, die auch im Bewohnerbeirat ist, heißt das: Nach der Arbeit erst Kaffeetrinken, dann Sport im Fitnessstudio. Und am Wochenende? „Relaxen.“ Auch Schlafenszeiten werden nicht vorgegeben. So kommt es vor, dass einige gemeinsam bis 3 Uhr nachts Filme schauen, berichtet Stephanie Bahn. „Freiheit bedeutet auch, Entscheidungen treffen zu dürfen, die nicht zielführend sind. Vielleicht ist der nächste Morgen dann anstrengend und der Weg zur Arbeit fällt schwerer, aber genau diese Selbstwirksamkeit ist unglaublich wichtig“, findet die Einrichtungsleitung. Denn Selbstwirksamkeit entstehe nicht durch Erklärungen, sondern durch Erfahrung. „Freiheit ist ein Menschenrecht, und Freiheit entfaltet ihren Wert erst dann vollständig, wenn Bewohner:innen die Folgen ihres Handelns selbst erfahren dürfen. Das födert Entwicklung, Motivation, Lernprozesse, Verantwortung, Teilhabe und Lebensqualität fördert.“ Freiheitsrechte würden nur dort begrenzt, wo es zum Selbstschutz erforderlich ist.
Aber Freiheit brauche auch Assistenz. „Eine unterstützte Entscheidungsfindung ist Kern der Eingliederungshilfe“, so Bahn. Damit die Bewohner:innen in die Lage versetzt werden, selbstbestimmt zu entscheiden, setzten sie und ihr 30-köpfiges Team auf Information und Aufklärung statt auf starre Vorschriften. Heute steht die monatlich stattfindende „Sprechstunde Gesundheit“ auf dem Programm. Auch Fiona Gerlach ist dabei. Es geht um Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten. Mitarbeiterin Katharina Zientz erläutert in einfacher Sprache, um was es sich jeweils handelt, dass es gute und schlechte Bakterien oder Pilze gibt und was bei einer Impfung passiert. Wöchentlich finden zudem Gruppengespräche zur Essensplanung und den aktuellen Befindlichkeiten statt. In der Sprechstunde Herz geht es um Themen wie Partnerschaft und Sexualität. Im März bietet die Berufsgenossenschaft ein Fußwegtraining an, kündigt Katharina Zientz an. Auf die Frage, wer daran Interesse hat, schnellen sofort fünf Finger hoch.
Angebote statt Ge- und Verbote ist die Devise in der Wohnstätte Dorsten. Ein paar Regeln gibt es aber schon, wie sie wohl jede Wohngemeinschaft dieser Größe braucht. Im Gemeinschaftsbereich von Fionas Achter-WG ist ein großer Wochenplan, der zeigt, wer wann welche Aufgaben im Haushalt zu erledigen hat. Im Eingangsbereich hängt zudem eine Hausordnung für die gesamte Wohnstätte, die lautet: „Wir sagen ‚bitte‘ und ‚danke‘, respektieren und verzeihen uns, haben Spaß, probieren Neues aus, sind ehrlich und lernen immer dazu.“ Fiona Gerlach fühlt sich dadurch nicht beschränkt; sie fühle sich frei.
INFO
Wohnstätte Dorsten
Stephanie Bahn
Pestalozzistraße 7
46282 Dorsten
Tel.: 02362 9979710
Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.