Engelchen auf der Schulter

Maja Holzapfel begleitet Kinder mit Förderbedarf durch den Schulalltag und zeigt, warum Schulbegleitung immer auch Gerechtigkeit ist.

 

Für Maja Holzapfel ist Schulbegleitung ein Traumberuf. Foto: Christian Kuck

Wenn Maja Holzapfel morgens das Klassenzimmer betritt, ist es selten wirklich leise. 29 Kinder, Klasse 4, Mathebücher, Brotdosen – ein Durcheinander aus Stimmen. Mittendrin sitzt ein Junge, der schnell in eine andere Lautstärke kippen kann: nach innen oder nach außen. Regulationsstörungen, selbstverletzendes Verhalten. Seit sechs Monaten begleitet Maja ihn durch den Schulalltag. „Ich bin sein Engelchen auf der Schulter, die Flüsterstimme“, sagt sie und lächelt. Maja Holzapfel ist Schulbegleiterin. Sie gibt Impulse, flüstert Strategien, erinnert an Absprachen – aber sie nimmt nicht ab. „Selber machen lassen“ ist eines ihrer wichtigsten Prinzipien.

Bevor ein Kind eine Schulbegleitung erhält, stehen Diagnostik, Gespräche und Anträge an. Der zuständige Kostenträger prüft, ob ein Anspruch besteht. Monate, manchmal Jahre vergehen. Leidenswege für Familien, Frust für Lehrkräfte, Überforderung für das Kind. Fällt die Entscheidung endlich, ist das oft eine Erleichterung – und zugleich der Beginn einer sensiblen Aufgabe. Das Angebot der Schulbegleitung des Unterbezirks richtet sich an Kinder mit besonderem Förderbedarf, die körperlich, geistig oder seelisch beeinträchtigt sind. Schulbegleitung durch die AWO ist an allen Regel- und Förderschulen im Kreis Recklinghausen möglich.

Schulbegleitung gleicht aus, was fehlt, um im System Schule zurechtzukommen. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass ein Kind möglichst selbstständig am Unterricht teilnehmen kann. In diesem Sinne ist Schulbegleitung gelebte Gerechtigkeit. „Gerecht ist nicht, alle gleich zu behandeln, sondern jedem das zu geben, was er oder sie konkret braucht, um sich entwickeln zu können“, sagt Maja Holzapfel. Für sie bedeutet Schulbegleitung deshalb kein Extra, sondern ein Ausgleich. Eine Form von Gerechtigkeit. „Das zeigt sich in kleinen Situationen“, erklärt sie. „Im Zuhören. Im Ernstnehmen von Gefühlen. Im transparenten Umgang mit Regeln.“ Wenn eine Regel für alle gilt, gilt sie auch für „ihr“ Kind. Doch vielleicht braucht es eine andere Form, um sie einhalten zu können: mehr Zeit, eine visuelle Erinnerung, eine kurze Bewegungspause. Keine Sonderbehandlung – sondern passende Bedingungen.

„Ich erlebe täglich, dass Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen – emotional, familiär, sozial. Gerechtigkeit heißt für mich, nicht zu vergleichen, sondern fair zu begleiten und jedem Kind mit Respekt, Geduld und Offenheit zu begegnen."

Maja Holzapfel

Wird ein Kind in der Schule immer wieder auffällig und stört den Unterricht, erfordert das viel Aufmerksamkeit der Lehrkraft. Schulbegleitung unterstützt daher nicht nur das begleitete Kind. Sie stabilisiert auch das Gleichgewicht in der Klasse. Denn auch Lehrkräfte stehen vor der Aufgabe, allen gerecht zu werden. Wenn ein Kind viel Aufmerksamkeit bindet, geraten andere schnell aus dem Blick. „Durch Schulbegleitung können Lehrkräfte wieder allen Schüler:innen in der Klasse gerecht werden“, erklärt Maja Holzapfel. Voraussetzung ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulbegleitung und Lehrkraft. Sie soll entlasten, damit sich Lehrer:innen wieder stärker auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können: das Unterrichten.

Für Maja Holzapfel ist Schulbegleitung ein Traumberuf. „Ich erlebe täglich, dass Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen – emotional, familiär, sozial. Gerechtigkeit heißt für mich, nicht zu vergleichen, sondern fair zu begleiten und jedem Kind mit Respekt, Geduld und Offenheit zu begegnen“, erzählt die gelernte Sozialassistentin mit dem Schwerpunkt Heilerziehungspflege. Immer wieder reflektiert sie ihr eigenes Verhalten. „Ich versuche, nicht aus Bequemlichkeit zu handeln – also Dinge nicht schnell selbst zu übernehmen, nur weil es einfacher wäre.“ Stattdessen fragt sie sich: Dient das gerade der Entwicklung des Kindes? Ist mein Handeln nachvollziehbar? Begegne ich ihm auf Augenhöhe?

Nach sechs Monaten kennt sie die feinen Unterschiede. Sie weiß, wann sie eingreifen muss – und wann noch Spielraum ist. Und vielleicht ist sie tatsächlich ein Engelchen auf der Schulter. Eines, das nicht lenkt, sondern stärkt. Und das leise daran erinnert, dass Gerechtigkeit nicht heißt, alle gleich zu sehen – sondern jeden Einzelnen wirklich wahrzunehmen.

INFO

Fachbereich Schulische Inklusion
Stephanie Richter
Wulfener Markt 5
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Tel.: 02369 934520
s.richter@awo-msl-re.de

Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.