Bildung und Betreuung lassen sich nicht trennen
AWO erleben!: Frau Professor Doktor Hogrebe, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage in den Kitas in NRW?
Professorin Nina Hogrebe: In vielen Kommunen gibt es immer noch zu wenige Plätze und Fachkräfte. Zwar gehen die Kinderzahlen bereits zurück, aber das entspannt das System bisher kaum, auch weil wir vielerorts noch die Folgen des Fachkräftemangels spüren – ein Teufelskreis: Die Belastung des Personals führt zu gesundheitlichen Ausfällen, was Ad-hoc-Schließungen oder Notbetreuung nach sich zieht und wiederum die Belastung des verbleibenden Personals erhöht. Besonders besorgniserregend ist auch, dass laut dem Bildungsbericht Ruhr die Inanspruchnahmequoten bei den fünfjährigen Kindern im Jahr vor der Einschulung teils drastisch rückläufig sind. Das trifft vor allem bildungsbenachteiligte Kinder, die dann ohne die notwendige Förderung in die Schule kommen.
Für sie sind jetzt sogenannte ABC-Klassen angedacht.
Davon halte ich gar nichts. Wir wissen aus der Forschung, dass additive Sprachförderung in separaten Gruppen kaum wirksam ist. Sprachenlernen braucht einen sozialen Kontext und vertraute Bezugspersonen. Die Kinder aus ihrem Umfeld zu reißen, sie in Busse zu setzen und in separaten Klassen zu unterrichten, ist zudem stigmatisierend und separierend. Außerdem kommt die Förderung viel zu spät. Wir müssen die Kinder viel früher im System Kita erreichen und dort die alltagsintegrierte Sprachbildung stärken, anstatt in der Schule Notfallstrukturen aufzubauen.
Die KiBiz-Reform sieht auch einen „Sozialindex“ und „Chancen-Kitas“ vor, um Ressourcen gezielter zu verteilen. Ein guter Ansatz?
Den Impuls, Ressourcen transparent und datenbasiert dorthin zu lenken, wo die Bedarfe am höchsten sind, begrüße ich sehr. Bisher war die Verteilung oft intransparent. Es kommt aber auf die Umsetzung an: Werden wirklich neue Mittel bereitgestellt oder nur bestehende Töpfe umetikettiert? Es muss sichergestellt sein, dass Personal on top kommt und nicht zur Deckung der Mindestbesetzung zweckentfremdet wird.
Stichwort Personal: Sie haben an dem „Memorandum zur Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland“ mitgewirkt. Dieses betont Gruppengröße, Fachkraft-Kind-Relation und Qualifikation des Personals als zentrale Strukturmerkmale pädagogischer Qualität. Was davon wäre denn am wichtigsten?
Das Entscheidende ist die Interaktionsqualität zwischen Fachkräften und Kindern. Damit Bildung gelingt, brauchen Kinder feinfühlige Fachkräfte und stabile, verlässliche Bezugspersonen. Strukturen wie Gruppengröße oder der Personalschlüssel sind wichtig, weil sie den Rahmen für diese Interaktionen bilden, aber sie sind kein Selbstläufer. Wenn ich wählen müsste, würde ich im Zweifel eher die Gruppengröße geringfügig erhöhen, um dafür das Qualifikationsniveau der Fachkräfte zu sichern. Denn eine Personalerhöhung zulasten der Qualifizierung, erhöht oft die Last für die verbleibenden Fachkräfte, da diese mehr anleiten müssen.
„Ungleichheiten in der Entwicklung von Kindern entstehen oft bereits in den ersten drei Lebensjahren.“
Andererseits braucht man zum Wickeln nicht zwingend eine Fachkraft. Bedarf es also nicht gerader differenzierterer Bildungswege in die Kita?
Auch beim Wickeln handelt es sich um eine bedeutsame pädagogische Situation, die durch sprachliche Begleitung, Interaktion und Beziehungsarbeit zu Bildungsprozessen führt. Wichtig ist daher, genügend Fachkräfte mit Erzieher-Grundausbildung zu haben, mindestens 70 bis 75 Prozent des Personals. Auf dieser generalistischen Ausbildung können spätere Fachkarrieren aufbauen. Sinnvoll ist auch, mindestens eine akademische Kraft pro Einrichtung zu haben, um den Transfer von Wissenschaft und Forschung in die Praxis zu fördern. Ein zentraler Logikfehler im System ist allerdings, dass höhere Qualifikationen nicht automatisch mit höheren Besoldungsgruppen einhergehen, was zu einer geringen Verbleibquote der akademischen Kräfte im Feld führt.
Wie bewerten Sie den Ansatz von Kern- und Randzeiten?
Ich halte das für problematisch. Es wird suggeriert, wir hätten eine hochwertige Bildungszeit am Vormittag und eine reine Betreuungszeit in den Randstunden. Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit sind aber ganzheitlich zu denken. Kinder lernen aber auch im Spiel, in der Interaktion, in alltäglichen Situationen – das lässt sich nicht in Zeitfenster zerstückeln. Zudem gefährdet es die Bildungspartnerschaften mit den Eltern, wenn beim Bringen und Abholen kein qualifiziertes Personal mehr für Gespräche zur Verfügung steht.
Letzte Frage: Wie könnte man den rückläufigen Kita-Anmeldungen entgegenwirken? Vielleicht mit einer Kita-Pflicht?
Rechtlich schwierig. Außerdem liegt das Problem nicht primär im mangelnden Willen der Eltern. Wir müssen vielmehr die massiven Hürden des Kitabesuchs abbauen. Die Anmeldeverfahren sind oft so komplex, dass sie abschreckend wirken. Wir brauchen Transparenz bei der Platzvergabe und einheitliche Kriterien, die soziale Benachteiligung stärker berücksichtigen. Und wir müssen über die Beiträge sprechen: Die enorme kommunale Varianz ist absurd und ungerecht. Und eigentlich müsste nicht das letzte Kitajahr beitragsfrei sein, sondern das erste, um gerade den Familien den Zugang zu erleichtern, deren Kinder am meisten von früher Bildung profitieren würden. Denn Ungleichheiten in der Entwicklung von Kindern entstehen oft bereits in den ersten drei Lebensjahren. Und: Bevor wir neue Gesetze für das gesamte Land schaffen, sollten wir die Auswirkungen vielleicht erst in kleineren Modellprojekten erforschen, wissenschaftlich begleitet.
Vielen Dank für das Gespräch!
INFO
Dr. Nina Hogrebe
Professorin für Bildung und Erziehung
in der Kindheit
TU Dortmund
Emil-Figge-Straße 50
44221 Dortmund
Tel.: 0231 7556358
isep.ep.tu-dortmund.de
Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.