Gründung gegen den Trend

Viele Vereine haben mit Überalterung und Mitgliederschwund zu tun. Nicht so in Raesfeld. Dort hat sich jetzt ein neuer Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt gegründet.

Text: Jörn-Jakob Surkemper
Sonja Köhler, Vorsitzende des neuen Ortsvereins in Raesfeld, vor dem Schloss. Foto: Oliver Mau

„Als ich von der Neugründungsidee im März am Telefon erfuhr, wär‘ ich fast aus dem Stuhl gefahren, so überrascht war ich“, erinnert sich Gregor Berning, Vorsitzender des Kreisverbands Borken, zu dem Raesfeld gehört. Die meisten Ortsvereine haben eher mit Überalterung und Mitgliederschwund zu kämpfen. „Ich glaube, in den letzten 25 Jahren wurde kein neuer Ortsverein im Kreis Borken mehr gegründet“, so Berning. Dauerhaftes ehrenamtliches Engagement würde immer seltener. „Menschen engagieren sich eher in zeitlich begrenzten Projekten. Da haben wir mächtig mit zu kämpfen.“

Überbringer der unverhofften frohen Botschaft am anderen Ende der Telefonleitung waren Sonja Köhler und Thorsten Hansen, die selbst ein wenig von der Gründungsdynamik überrascht wurden. „Helmut Hellenkamp von der SPD-Fraktion kam am Rande einer Anti-Querdenker-Demo mit der Idee auf mich zu“, so die im September frisch gewählte Vorsitzende. „Einige aus der SPD in Raesfeld haben auch gelegentlich Veranstaltungen des AWO-Ortsvereins im benachbarten Heiden besucht und dachten sich, warum nicht auch bei uns in Raesfeld?“

„Ideen, was wir veranstalten könnten, kamen schnell zusammen: vom Seniorencafé und Frühstück über Stammtische für Alleinerziehende bis zu Themenabenden.“

Sonja Köhler

Ideen, was man alles veranstalten könnte, kamen schnell zusammen: vom Seniorencafé und Frühstück über Stammtische für Alleinerziehende, Themenabende mit wechselnden Referent:innen, Repaircafé und Tagesfahrten bis hin zu Kinderbasteln oder Lesegruppen. „Wir wollen ein Angebot für alle Altersgruppen, insbesondere für sozial ausgegrenzte Personen“, so Köhler. Bestehende Angebote seien meist konfessionell und speziell in Raesfeld sehr katholisch geprägt; da hätten zunehmend Menschen Probleme mit. Zudem hätten auch die Kirchen unter Mitgliederschwund und einem Rückgang aktiver Ehrenamtler zu kämpfen, sodass einiges gar nicht mehr angeboten würde, für das es einen Bedarf gebe. „Ein Gemeindezentrum hat jetzt gar keinen Pfarrer mehr und keine Kinder- und Jugendgruppe. Da war früher immer Leben in der Bude. Das hätte ich gerne wieder.“

Gesagt getan: Nach Gesprächen mit dem Kreisverbandsvorsitzenden Gregor Berning und Sandra Schubert von der Stabsstelle Verbandspolitik des Unterbezirks Münsterland-Recklinghausen trugen Sonja Köhler und ihre Mitstreiter:innen die Idee in die Kreisausschusssitzung in Rhede weiter. „Da wurde ich überraschenderweise als mögliche Vorsitzende für einen neuen Ortsverein vorgeschlagen“, sagt die 53-jährige Buchhalterin. „Und ich habe die Herausforderung angenommen.“

Weiter ging es mit einer Infoveranstaltung vor den Sommerferien im Versammlungsraum einer Gaststätte, zu der 20 Leute kamen. Viele davon sollten bei der Gründungsversammlung am 22. September Mitglieder des neuen Ortsvereins werden. Und: Nicht nur SPD-Mitglieder kamen, freut sich Köhler; auch Parteilose, Mitglieder der Unabhängigen Wählergemeinschaft, der Grünen und der CDU-nahe Bürgermeister Martin Tesing waren bei Gründungsversammlung anwesend und begrüßten die Gründung. 18 Gründungsmitglieder haben den neuen Ortsverein schließlich auch offiziell aus der Taufe gehoben und einen zunächst achtköpfigen Vorstand mit Sonja Köhler an der Spitze gewählt. Mit einer Altersspanne von 40 bis 70 sind die Mitglieder des neuen Ortsvereins vergleichsweise jung. „Auch eine 30-Jährige hatte Interesse“, freut sich die Vorsitzende.

Unterstützung erhielten Köhler und Co. während des gesamten Prozesses aus dem Kreisverband und vom Unterbezirk. „Der Kreisverband hat das Organisatorische übernommen, Einladungen verschickt, Info-Material und auch Geld bereitgestellt. Sandra Schubert vom Unterbezirk hat die Satzung und die Gründungsveranstaltung mit vorbereitet und diese moderiert“, so Köhler. Letzter formaler Schritt war schließlich die Zustimmung des Kreisvorstandes, welche einstimmig erfolgte.

Klar, ein bisschen Organisationskram war und ist noch zu erledigen: Etwa ein Konto musste eröffnet und die Gemeinnützigkeit beim Finanzamt beantragt werden. „Wir haben schon eine erste Spende akquiriert“, sagt Köhler. „Und wir sind auf der Suche nach Räumen.“ Mehrere hätten sie und ihre Vorstandskolleg:innen bereits angeschaut. Ein Gruppenraum einer Sporthalle käme für erste Veranstaltungen infrage – vielleicht schon für ein Weihnachtscafé im Dezember.

Für zunächst vier Jahre wird der neue Vorstand des Ortsverein Raesfeld im Amt sein. Köhler ist zuversichtlich, dass es einen Bedarf an Angeboten für Jung und Alt und ohne konfessionelle Bindung gibt. Und sie hofft darauf, nicht zuletzt durch erste Veranstaltungsformate weitere aktive Mitstreiter und Ortsvereinsmitglieder zu finden. Wer mitmachen möchte oder Interesse am Reinschnuppern hat, sei jederzeit willkommen, betont die Vorsitzende. Der Monatsbeitrag beträgt bei Einzelpersonen zwei Euro fünfzig, bei Familien vier Euro.

INFO

AWO Ortsverein Raesfeld
Sonja Köhler
Tel.: 02865 609136
koehler.sonja.raesfeld@gmail.com

AWO Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen
Sandra Schubert
Stabsstelle Verbandspolitik
Tel 02366 109185
s.schubert@awo-msl-re.de

Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.