Betreuen für Demokratie und Teilhabe

Michael Groß betreut einen Anfang-50-Jährigen mit einer geistigen Behinderung. Er kümmert sich um Finanzen, um Anträge beim Landschaftsverband oder um Medikamente – Dinge, die diese Person aufgrund ihrer Behinderung nicht allein schafft. Aber auch mal ein offenes Ohr zu haben und sich um die Anliegen des Betroffenen zu kümmern, gehört dazu.

Text: Jörn-Jakob Surkemper
Betreuer Michael Groß (l.) wird durch Vereinsbetreuerin Gerlinde Bensmann betreut. Foto: Oliver Mau.

Der 66-Jährige ist einer von über 360 Ehrenamtlichen, die die beiden Betreuungsvereine im Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen organisieren und beraten. „Meist handelt es ich um Angehörige“, erklärt Britta Steinhoff, Leiterin des Betreuungsvereins in Bocholt. „Wenn sich aber niemand aus dem familiären Umfeld findet, suchen wir in bevorzugt Ehrenamtler:innen.“ Bei Menschen mit Behinderung oder Älteren, die etwa aufgrund einer Demenzerkrankung nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, sei dies meist sehr gut möglich. Komplizierter werde es oft bei Personen mit psychischen oder Suchterkrankungen, bei denen eine gewisse sozialpädagogische oder psychologische Ausbildung erforderlich sein kann, so Steinhoff. Solche Betreuungen würden dann von den entsprechend ausgebildeten Hauptamtlichen des Betreuungsvereins übernommen; vier sind es in Bocholt, acht in Münster, die sowohl als Betreuende als auch als Ansprechpartner:in für die Ehrenamtlichen fungieren. Vorkenntnisse wurden von Michael Groß nicht verlangt. Wie bei allen Betreuer:innen war allerdings Voraussetzung, dass keine Schulden oder Vorstrafen vorhanden sind. Der Rentner hat als selbstständiger Maschinenbauingenieur früher gut verdient und „viele gute Leute“ kennengerlernt. Jetzt wolle er etwas zurückgeben: „Ich wohne in einer familiären, netten und freundlichen Nachbarschaft. Aber wenn es darum geht, sich dauerhaft um jemanden zu kümmern, ziehen sich Menschen oft zurück. Das gefällt mir nicht.“ Demokratie heiße für ihn Teilhabe – auch für diejenigen, die nicht aus eigener Kraft teilhaben können.

Groß suchte deshalb im Internet nach Möglichkeiten, sich ehrenamtlich um jemanden zu kümmern, und ist dabei auf den Betreuungsverein der AWO in Münster gestoßen. „Ich bin da mit offenen Armen empfangen worden“, erinnert er sich. Vereinsbetreuerin Gerlinde Bensmann lud ihn zu einem Kennenlerngespräch ein. Und nachdem sie ein paar Wochen später einen geeigneten Fall hatte, gab es ein erstes Treffen im Wohnheim der Westfalenfleiß GmbH. Das Tochterunternehmen von AWO und Lebenshilfe betreibt in Münster verschiedene Werkstätten und Wohnformen für Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung.

Ein bisschen unsicher sei er vor dem Treffen schon gewesen, berichtet Michael Groß, was sich aber als unbegründet erwies: „Es war schön zu erfahren, dass man einen guten Umgang miteinander finden kann. Die Person hat verstanden, worum es geht, und kann gut zum Ausdruck bringen, was sie möchte und was nicht.“ Groß bedauert, dass Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu wenig sichtbar sind. „Das war früher noch anders.“ „Menschen wie Herrn Groß brauchen wir viel mehr“, sagt Torsten Rittscher, Leiter des Betreuungsvereins Münster. Der Bedarf an Betreuer:innen steige stetig, während immer weniger Menschen sich engagieren möchten. Die beiden Betreuungsvereine der AWO im Unterbezirk bieten Ehrenamtler:innen Informationen und eine Einführung in die Arbeit. Zudem erhalten diese professionelle Beratung, Unterstützung, Begleitung und kostenlose Weiterbildungsangebote. Und sie sind über den Verein haftpflichtversichert. Als Aufwandentschädigung zahlt das zuständige Amtsgericht 400 Euro pro Jahr und betreuter Person. Maximal zehn Personen darf ein Ehrenamtlichechen betreuen, meist sei es aber nur eine Person, weiß Vereinsbetreuerin Gerlinde Bensmann.

Michael Groß fühlt sich beim Betreuungsverein gut aufgehoben: „Ich habe regelmäßig Kontakt zu Frau Bensmann und kann mich mit allen Fragen an sie wenden.“ Ein bis zweimal im Monat wird er sich künftig mit seinem Klienten treffen. Hinzu komme etwa ein Abend Papierkram im Monat, schätzt er und wirbt auch bei anderen, eine Betreuung zu übernehmen – und zwar nicht nur aus Altruismus: „Viele Menschen haben das Helfen-Wollen in sich. Aber es wurde uns irgendwie abgewöhnt. Mir bringt das auch wichtige Erfahrungen: Ich lerne neue Seiten an mir kennen und schätzen, zum Beispiel Menschen unvoreingenommen gegenüberzutreten.“


INFO

Betreuungsverein Bocholt
Britta Steinhoff
Kreuzstraße 16
46395 Bocholt
Tel.: 02871 2394560

Betreuungsverein Münster
Torsten Rittscher
Gasselstiege 33
48159 Münster
Tel. 0251 2704711