Für ein starkes Miteinander in der Nachbarschaft

In eine neue Stadt zu ziehen und dort direkt Anschluss zu finden ist oft nicht leicht.

Text: Felicitas Bonk, Bild: Birgit Frey

Wenn es dann auch noch eine Sprachbarriere gibt, wächst gerade bei sozial benachteiligten Menschen nicht selten die Unsicherheit – und die erfolgreiche Integration als Neubürger*in gestaltet sich schwieriger. Für ein entspanntes und glückliches Leben ist das nicht die beste Basis. Deswegen hat der Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen in Marl Drewer-Nord und Münster-Coerde ein ganz besonderes Angebot zu Sozialraumorientierung sowie zur geschaffen.

„Ganz einfach ausgedrückt, ist es unser Ziel, Menschen aus sozial schwierigen Umfeldern hier in Drewer-Nord ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wir versuchen, ihre Eigeninitiative und ihre Selbsthilfekräfte zu stärken,“ erklärt Paula Weber. Die Sozialpädagogin und Diplom-Sozialarbeiterin ist bereits seit vielen Jahren für die AWO tätig. Das Stadtteilbüro in Marl-Drewer leitet sie seit dessen Eröffnung vor gut einem Jahr.

Das Angebot, was sich sowohl an Familien mit Kindern und Jugendlichen als auch an Einzelpersonen richtet, ist dabei extrem vielfältig und sehr individuell. „Zunächst einmal ist es uns wichtig, dass es kein Angebot für die Bewohner*innen und Nachbar*innen wie wir die Menschen hier nennen, sondern ein Angebot mit ihnen“, so Paula Weber. Gemeinsam mehr schaffen lautet hier die Devise. „Die Bewohner*innen können mit sämtlichen Anliegen zu uns kommen und dann schauen wir zusammen: Was können wir tun? Wie können wir da sein? Welche Unterstützung können wir bieten? Mal geht es einfach nur darum, bei Behördengängen zu helfen oder mit Stadtteilbegehungen Orientierung in der Wohngegend zu geben, ein anderes Mal helfen wir dabei, Räumlichkeiten für kreative Aktivitäten oder Jugendtreffs zu organisieren“, erzählt die Sozialpädagogin.

Ganz ähnlich sieht es bei Simone Zehahla in Münster-Coerde aus. Seit drei Jahren kümmert sie sich um die hiesige Stadtteilarbeit und Sozialraumorientierung. „Auch bei uns geht es um Fragen wie: Was braucht der Stadtteil Coerde? Welche Schwierigkeiten gibt es und wo liegen Chancen? Außerdem schauen wir immer, wie man die Bewohner*innen in Prozesse ihres Stadtteils einbinden kann. Dabei ist mir ganz wichtig, dass wir ihre Eigenmotivation stärken, Dinge selbst in die Hand zu nehmen – wir vermitteln die Netzwerke, nehmen die Angst vor Hürden und helfen den Bewohner*innen, sich selbst zu helfen“, sagt die Diplom-Pädagogin. Generell gehe es bei allen Angeboten und Unterstützungen immer darum, die Menschen in Coerde nicht alleinzulassen, sondern ihnen das Gefühl zu geben, dass jemand da ist, der sich um ihre Wünsche, Sorgen und Anliegen kümmert, so Simone Zehahla. „Dafür sind wir viel draußen unterwegs, gehen in die Viertel und sind ansprechbar. Außerdem gehen wir in die Familien oder vermitteln bei Konflikten“, sagt sie. Ein großer Vorteil, den Simone Zehahla in Münster und auch Paula Weber in Marl haben, sind die unkomplizierte Kommunikation und das niedrigschwellige Angebot. „Hier vor Ort sind wir immer erreichbar und sichtbar. Kommen neue Familien in den Stadtteil, gehe ich einfach bei ihnen vorbei, klingele an und stelle mich vor. So kommen wir schnell ins Gespräch und ich sehe direkt, an welchen Stellen wir mit welchen Angeboten unterstützen können – und das alles, ohne vorab irgendwelche schwierigen Formalitäten durchlaufen zu müssen. Wir sind quasi die erste Anlaufstelle“, sagt Paula Weber. Das gebe ihr zudem die Möglichkeit, soziale Konflikte schnell aufzufangen, häuslicher Gewalt präventiv entgegen zu wirken und die Bewohner*innen des Stadtteils genau dort abzuholen, wo sie Hilfe benötigen. So war es zumindest bisher. Denn das Coronavirus wirkt sich auch auf die Arbeit der beiden Sozialpädagoginnen aus. „Im Grunde sind es drei Dinge, die besonders herausfordernd sind: dass wir die Familien und Kinder, die sonst regelmäßige Aktivitäten wahrnehmen, nicht aus dem Blick verlieren, dass die Niedrigschwelligkeit abhandenkommt, weil viele Dinge auf einmal online laufen und den Bewohner*innen oft das digitale Know-how fehlt und dass einfach nichts richtig planbar ist. Diese Perspektivlosigkeit ist für uns alle schwer“, sagt Simone Zehahla. Doch sich davon unterkriegen lassen? Auf keinen Fall! Denn dafür sind den beiden die Menschen in ihren Stadtteilen viel zu wichtig. „Aktiv bleiben, für die Bewohner*innen da sein, Zuversicht ausstrahlen – dann schaffen wir es auch durch diese momentan doch sehr kräftezehrende Zeit“, sind sie sich einig.